Texte und Artikel - eine Auswahl


Samtusta - Mit leichtem Gepäck

Das aber sei dein Heiligtum: Vor dir bestehen können. (Th. Fontane)

 

Die Lehre des Buddha ist die unvoreingenommene Anwendung des gesunden Menschenverstands auf das ganze Leben und das Leben als Ganzes. Deren Praxis ist es, jegliches Geschehen in der Gegenwart offenherzig und umfassend wahr (!) zu nehmen.

 

Seit einiger Zeit wird immer klarer, dass die Menschheit in einem Dilemma steckt. Einerseits lebt sie in der erfolgreichsten Zivilisation der Geschichte, deren Technologien und Institutionen scheinbar unendliche Möglichkeiten schaffen. Andererseits beruht dieses Privileg auf einer ständigen Leugnung der Begrenztheit des Planeten Erde.

 

Das Ignorieren dieser Rahmenbedingungen erfolgt systematisch. So entnimmt in Mitteleuropa jeder Mensch jeden Tag der Natur ein Vielfaches dessen, was für eine enkeltaugliche Lebensweise zuträglich ist. 

 

Um den Widerspruch zwischen diesem Wissen und dem tatsächlichen Handeln aufzulösen und durch veränderte Gewohnheiten eine heilsamere Perspektive zu entwickeln, werden äußere und innere Kraftquellen benötigt.

 

Anregungen von außen gibt es viele. Aufrufe zur „universellen Verantwortung“ nehmen zu. Schon vor 25 Jahren propagierte eine große Umweltkonferenz das Motto „global denken - lokal handeln“. Der Spruch „all we need is less“ ist in aller Munde und das Lied „Es reist sich besser mit leichtem Gepäck“ ein Hit. 

 

Um leichteres Gepäck nicht als Verzicht zu erleben, ist ein innerer Wandel nötig. Dieser beinhaltet die Rückgewinnung der persönlichen Integrität, also die Erfahrung, in den Spiegel zu schauen, ohne ein von Selbstüberhöhung und widersprüchlichem Handeln gezeichnetes Wesen zu betrachten. Erst wenn die einzelnen Menschen einen Alltag gestalten, der der Erde und der Zukunft eine Stimme gibt, ebnet sich der Weg zum wirklichen Beenden der Überschreitung ökologischer Grenzen. 

 

Es ist genug vorhanden, um ein integeres und erfülltes Leben zu führen. Dieses Wissen hat der Buddha als „Samtusta“ bezeichnet: „Versöhnt und zufrieden in dieser Welt anwesend sein und sich in ihr ganz und wach zu Hause fühlen - und entsprechend handeln“.

 

Dieser Text erschien im Kalender 02017 (Thema „Grenzüberschreitungen“), den der Arbeitskreis „Religionen in Oldenburg“ seit 02015 herausgibt. 


SAMTUSTA - Buddhistische Grundlagen für eine Ethik der Zufriedenheit

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere Zivilisation zerstört werden“, sagte der vietnamesisch-buddhistische Mönch und Meditationsmeister Thich Nhat Hanh einmal und drückte damit aus, was immer mehr Menschen empfinden und erkennen: Der Lebensstil der heutigen Industrieländer befindet sich in einer Sackgasse. Doch um einen neuen Weg einschlagen zu können, ist es nötig, zu verstehen, welchen Ursprung die heutige Situation hat und vor allem, welche Motivationen dahinterstecken und wie sich menschliches Handeln auf eine neue Grundlage stellen lässt.

 

Ausgangspunkt der Lehre des Buddhas ist die Einsicht, dass sich leidvolle Zustände erst durch die Beseitigung ihrer Ursachen überwinden lassen. Auf individueller Ebene hat der Buddha die Gründe für Leid klar benannt: Gier, Hass und Verblendung, die im Alltag als Eigensinn, Neid und Ablenkung erscheinen. Auf der gesellschaftlichen Ebene zeigen sich diese Motive als Gewinnmaximierungs- und Konkurrenzprinzipien, die sich verselbständigt und zu Dogmen verfestigt haben. Die schädlichen Folgen werden heute ignoriert oder sogar akzeptiert. All das führt zu einer immer gnadenloseren Plünderung der Ressourcen der Erde und der Zukunft.

 

Insbesondere die Begüterten vergrößern mit ihren überhöhten Ansprüchen den ökologischen Fußabdruck um ein Vielfaches des für die Erde tragbaren Maßes. Da sie gleichzeitig einen maßgeblichen Einfluss auf die Politik und die Ausrichtung der Gesellschaft haben, tragen vor allem sie dazu bei, dass die heutige Wirtschaftsweise den Zustand „genug“ nicht kennt, sondern permanentes Wachstum fordert. Eine Abkehr von diesem Prinzip könne, so wird behauptet, nur in einem fatalen Zusammenbruch enden. Das Prinzip des Vermehrens wird darum mit allen Mitteln verteidigt. 

 

Tatsächlich ist die Wachstums- und Wettbewerbsökonomie ein mit viel Fantasie und Engagement auf- und ausgebautes System, das die Menschheit - mittlerweile global - mithilfe vermeintlicher ökonomischer Sachzwänge zu ihrem eigenen Untergang peitscht. Die heutige Form des Wirtschaftens ist jedoch kein Naturgesetz, sondern ein von Menschen entwickeltes Verfahren, die Produktion von und den Handel mit Waren zu regeln. Selbstverständlich ließe sich diese Methode von Menschen auch wieder ändern.

 

Und sie wird sich ändern. Allein schon die Begrenztheit der Erde verurteilt das Steigerungsspiel zum Scheitern. Damit dies nicht als Desaster, sondern als selbstbestimmter Umschwung geschieht, haben alle gesellschaftlichen Akteure daran mitzuwirken, eine Ökonomie jenseits von Renditedenken, Rivalität und Knopfdruck-Konsumismus zu entwickeln. Umsichtige Formen des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Miteinanders sollten aber nicht aus Furcht vor dem Crash entstehen, sondern aus der Attraktivität einer nachhaltigen Perspektive. Erforderlich ist ein Austausch der bisherigen Antriebskräfte. Neue Motive braucht das Land – vor allem in der Wirtschaft.

 

Das Streben nach Suffizienz und Zukunftsfähigkeit wird bereits vielerorts mit Konzepten wie solidarische, ökologische, Gemeinwohl- oder Postwachstumsökonomie voran getrieben. Auch konkrete Projekte wie Tauschringe, Repair-Cafés, Urban Gardening, Genossenschaften oder Öko-Dörfer entstehen zunehmend.

 

Für diese Aktivitäten stellt die Lehre des Buddha viele Formen der Unterstützung bereit. So fördern Meditationsübungen die Fähigkeit des Menschen, das Leben als fließendes Projekt wahrzunehmen und sich nicht als abgetrennt und vereinzelt, sondern als vollständig integrierter Teil der Natur zu erleben. Mit dieser Grundhaltung wird es selbstverständlich, die Natur zu schützen.

 

Dieses wissende Gefühl ist Ausdruck einer Ethik, die vom Buddha mit samtusta überschrieben wurde und mit den drei Begriffen Genug, Zufrieden, Achtsam sein erläutert werden kann. Da Samtusta individuell umgesetzt wird, gibt jeder Mensch dieser Haltung eine persönliche Ausprägung.

 

1. Die Idee des „Genug“ geht von der Einsicht in die Grenzen des Planeten Erde aus und hat viele geistige Auswirkungen. Zudem sind in vielen Regionen weit mehr als die Grundbedürfnisse gesichert – ein Grund, Dankbarkeit zu empfinden und sie als Auftrag zu sehen, sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Mitwelt zu sorgen und zu kümmern. 

 

2. Wie viel ist genug? Ist diese Definition erst einmal von ökonomischen Zwängen befreit, lässt sich die Angst vor Verzicht als ein Gefühl erkennen, das von einer Gier-Wirtschaft provoziert wird, die den Menschen zum ständigen Vergleichen und Bewerten zwingt. Wer für sich persönlich die Frage nach dem menschlichen Maß zu beantworten weiß und einen mittleren Weg beschreitet, wird Zufriedenheit erleben und auch dazu beitragen können, möglichst wenig Rohstoffe und Energie zu verbrauchen. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, der aus der Sackgasse  führt.

 

3. Um in einer von Expansionsstreben, Leistungsdruck und Täuschung beherrschten Gesellschaft Haltungen wie „genug“ und „zufrieden“ ausdrücken zu können und sich für eine Wende einzusetzen, wird eine geistig-psychische Widerstandskraft („Resilienz“) benötigt. Die Fähigkeit, achtsam zu sein und alle Facetten der Wirklichkeit unvoreingenommen auf eine bewusste und gelassene Weise anzunehmen, kann sich dabei als Kraftquelle erweisen. 

 

Wer das Dasein meditativ, also ruhig und wach betrachtet, vermag allmählich die unheilsamen Vorgaben der gegenwärtigen Kultur zu durchschauen. Um sie zu überwinden, bietet sich Samtusta als zentrale Kategorie einer heilsamen Ethik an: verlässlich sein, konstruktiv handeln und nachhaltig wirksam kooperieren. Es ist ebendiese Ethik, die sich als Richtschnur für eine neue Ökonomie eignet, jenseits von Wachstum und Wettbewerb und jenseits davon, Ausbeutung und Naturzerstörung zu leugnen und zu ignorieren.

 

Tatsächlich enthält das Universum alle Bedingungen für eine bewusste und integere Existenz. Indem sich das Leben im Menschen wahr nimmt, kann sich der menschliche Geist der Verantwortung für das gesamte Sein öffnen und die einmalige Chance nutzen, das Dasein als Mensch klug, kreativ und behutsam dafür einzusetzen, eine Gemeinschaft zu entwickeln, die von Zusammengehörigkeit und Wandel geprägt ist.

 

Wer in Festhalten, Abneigung, Eile und Täuschung verharrt, verpasst diese Erfahrung und missachtet das Wunder, ein lebendiges Wesen zu sein. Selbstbezogenheit, Hast und Gegeneinander führen zu Intoleranz, Angst und Vereinzelung. Eine Kultur, die durchdrungen ist von Achtsamkeit, Integrität und Verbundenheit, erlaubt ein Leben in Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.

 

Es gibt keinen Weg zur Zufriedenheit - Zufriedenheit ist der Weg.

 

SAMTUSTA wird im Aryavamsa-Sutra im Sinne von „zufrieden, befriedigt, versöhnt sein“ verwendet, um die „Vier Edlen Bräuche“ zu erläutern: „Mönch ist zufrieden mit Robe, Mönch ist zufrieden mit Almosenspeise, Mönch ist zufrieden mit Liege-und-Sitz, Mönch findet Gefallen am Bewirken“.

Michael Radich übersetzt in seiner 2009 in Japan erschienenen Dissertation „The Doctrine of Amalavijnana in Paramarth (499-569)“ den Begriff „samtusta“ mit „completely satisfied“ („vollkommen befriedigt“). 

 

Dieser Text wurde in der Ausgabe 4/02015 der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ veröffentlicht.


Motive für meine Mitarbeit in der DBU (02017)

Der Buddha ist mein ältester spiritueller Freund. Die erste Begegnung mit ihm ergab sich im 3. Schuljahr durch mein erstes selbst gelesenes Buch (Hanna Stephan: Weltreise wider Willen). Lange Asienreisen und Kontakte zu vielen Lehrenden führten zu weiteren Annäherungen. Und je länger ich wahr nehme, wie sich das Leben in mir wahr nimmt, desto sicherer bin ich mir, dass Buddha mich schon vor 2 ½ Tausend Jahren verstanden hat. Es beruhigt und motiviert mich, bei der Betrachtung der Welt zu ähnlichen oder sogar den gleichen Einsichten zu gelangen wie er.

Die Essenz von Buddhas Lehre (dharma) erreicht mich dauerhaft, weil sie frei von Dogmen ist und (m)einer kritischen Überprüfung standhält. Indem die Dharma-Praxis mich in die Gegenwart verankert, erfahre ich diese Erde (und das Leben auf ihr) vollständig als mein Zuhause und kann mich um sie kümmern.

Die Haltung „samtusta“ unterstützt mich dabei. Sie wird mit „vollkommen befriedigt“ übersetzt und im Aryavamsa-Sutra als „Gefallen finden am Bewirken“ beschrieben, was darauf hinweist, dass schon damals neben Vernunft, Achtsamkeit, Zufriedenheit usw. auch Engagement zu den Grundlagen einer integeren Lebensgestaltung gehörte.

Die Einstellung „Samtusta“ versuche ich umzusetzen - in meiner Familie, als Dozent für Taijiquan und Qigong, in Vorträgen über „Resilienz“ und „Postwachstum“, im Verein „Achtsamkeit in Oldenburg“, als Autor oder als von Thich Nhat Hanh ernannter Dharma-Lehrer (Chan Dai Dong). 

Und seit 2009 als Mitglied des DBU-Rates. Hier bringe ich mich v.a. in der AG Umwelt, bei der Vorbereitung von Kongressen, in der Öffentlichkeitsarbeit und durch Kontakte mit anderen Verbänden ein. Nach drei Rats-Perioden habe ich drei Wünsche:

1. Die DBU braucht eine professionelle Geschäftsführung, denn die auf ehrenamtlicher Basis leistbare Arbeit ist zu unstet.

2. Zwar ist der Buddha mittlerweile in Deutschland angekommen, seine Lehre jedoch noch nicht. Viele Menschen stimmen mit der Essenz des Dharma überein, bringen dies aber nicht mit dem Buddha in Verbindung. Zentrales Anliegen eines Dachverbandes sollte es sein, diese Lücke zu schließen.

3. Weil die in verschiedenen asiatischen Kulturen entstandenen Interpretationen des Dharma zu oft im Vordergrund bleiben, wird zu selten direkt auf den Buddha zurück gegriffen. An der Entwicklung einer dem 21. Jahrhundert entsprechenden säkularen und integralen Ausformung und Anwendung des Dharma würde ich mich gern beteiligen. Vielleicht gründet sich ja bald eine AG zu diesem Thema …

 

Dieser Text wurde im Magazin der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ (Heft 4/02017) unter dem Titel „Die Räte der DBU stellen sich vor) veröffentlicht.


Eine Null als Glocke der Achtsamkeit

Zweitausendzwölf … schon sind wir wieder mitten drin in einem weiteren Jahr. Thich Nhat Hanh wird im Herbst 86 Jahre alt, der Maya-Kalender macht einen Sprung und in Deutschland erleben wir seit 67 Jahren friedliche Zeiten.

2012  … gerne schauen wir auf diese vielen Jahre zurück. Was ist nicht alles geschehen seit dem Beginn unserer Zeitrechnung! Die Vergangenheit ist unsere Geschichte. Sie enthält alles, was wir geworden sind. Das sollten wir niemals vergessen.

2012 … eine Ziffer, die dazu anregt, zurück zu schauen. Sich zu fragen, wann das Zählen anfing. Aber blicken wir auch genauso gern so weit nach vorn? Wie oft versetzen wir uns 2012 Jahre in die Zukunft? 

Es gibt einen kleinen Trick, dies zu tun. Mit einer Null. Wenn wir sie vor die übliche Jahreszahl setzen, werden wir aufmerksamer. Wir stolpern über diese Null. Sie weist uns darauf hin, dass wir erst am Anfang sind. Dass wir erst starten. In die Zukunft. Zum Beispiel ins Jahr 04024.

Die Zukunft liegt in und vor uns. Wir können sie in jedem Augenblick berühren. Mehr noch: Wir sind heute für sie verantwortlich, denn wir gestalten sie mit. Wir stellen die Weichen für die Zukunft - so wie unsere Vorfahren die Weichen für unsere Gegenwart gestellt haben. Die Gegenwart ist die Vergangenheit der Zukunft.

Die Menschheit stellt heutzutage sehr viele Weichen. Nicht wenige davon werden sich schon bald sehr unheilsam auswirken. Dieses Manko wird von immer mehr Menschen erkannt. Einige von ihnen versuchen, ihr Bewusstsein für die Zukunft zu schärfen. So wurde im Jahr 01998 in Erlangen eine „Zivilisations-Uhr“ errichtet, die der Kalligraph Kazuaki Tanahashi entworfen hat. Ihr Zeiger zeigte in der 12-Uhr-Position auf das Jahr 02000. Jede Stunde der Uhr stellt 2000 Jahre dar, so dass ihr Zeiger in 10000 Jahren die 5-Uhr-Position erreicht.

Die 01996 von Danny Hillis (Erfinder der Parallellogik der modernen Supercomputer) gegründete Long-Now-Foundation verfolgt eine ähnliche Idee. Hillis baute als Sinnbild für langfristiges Denken eine rein mechanische Uhr, die mindestens 10.000 Jahre ticken soll. Um für den Deka-Milleniums-Wechsel gerüstet zu sein, der uns in etwa 8.000 Jahren bevorsteht, verwendet die Langes-Jetzt-Stiftung fünfstellige Jahreszahlen mit einer zusätzlichen Null.

Auch in der Sankt-Buchardi-Kirche in Halberstadt ist es möglich, sich mit einer fernen Zeit zu verbinden. Auf der dortigen im Jahr 01361 gebauten ersten Großorgel der Welt wird seit 02000 das Stück „so langsam wie möglich“ des Musikers John Cage gespielt, das sich erst im Jahr 02639 vervollständigt. Der bisher letzte Klangwechsel fand am 5. August 02011 statt; der nächste wird am 5. Juli 02012 sein.

In jedem Brief, im Terminplaner, in meinem Tagebuch - eine kleine Null im Datum erinnert mich an etwas, was Astronomen schon seit Langem wissen: Es liegt wesentlich mehr Zeit vor als hinter uns. Auch wenn ich diese lange Zukunft nicht persönlich erleben werde - sie mir vorstellen und sie achten kann ich jederzeit. Zum Beispiel mit Hilfe einer Null.

 

Dieser Text wurde in der „Intersein - Zeitschrift für achtsames Leben in der Dhyana-Tradition von Thich Nhat Hanh“ (Nr. 39; Mai 02012) veröffentlicht.